Sakura-Reviews

Film-Besprechungen aus Japan und dem asiatischen Raum im Allgemeinen . . .

THE FAST AND THE FURIOUS: TOKYO DRIFT (USA, 2006)


THE FAST AND THE FURIOUS: TOKYO DRIFT

Regie: Justin Lin
Darsteller: Lucas Black, Brian Tee, Sung Kang, Nathalie Kelley, Bow Wow, Sonny Chiba, Keiko Kitagawa


Autorennen in Japan (speziell das in Asien populäre Drift-Racing wird propagiert), in den USA abgefilmt. Kann das gut gehen? Zwar wird auch Japan zur Dreh-Location gelistet, aber speziell für eine zentrale Renn-Sequenz durch die bevölkerte Innenstadt hat man größere Teile von Los Angeles abgeriegelt und mit entsprechenden Neon-Werbeschildern und Verkehrszeichen in ein kleines Tokio verwandelt. In diversen Tuning-Foren hat der Film bereits Kultstatus und wurde unter anderem mit dem Besonders-Wertvoll-Prädikat "Hammer-Fett" ausgezeichnet.

Während der Titelsequenz wurde ich von einem Meer mir unbekannter westlicher Newcomer-Namen bombardiert. Der erste, eindeutig als japanisch einzustufende Name gehörte einer unscheinbaren J-Pop-Nymphe, die in der hierzulande unbekannten Live-Action-Version von "Sailor Moon" auf sich aufmerksam gemacht hat. Meine Skepsis war groß.

Auf die erste Konfrontation quitschbunter Karosserien (Lucas Black in einem Muscle-Car) mußte ich nicht lange warten: Anlässe gibts genug, auch wenn es der schlichten männlichen Natur entsprechend nur ein Schwanzvergleich auf PS-Ebene ist. Immerhin springt für den Sieger der Besitzanspruch auf ein blondes Model mit mehr Kurven als Gehirnwindungen raus, dafür ruiniert man schonmal seine Chancen auf eine sichere Spießer-Existenz im sozialen Mittelstand. Als dann statt einem Startschuss ein on-screen ausgezogener BH einer beliebigen Background-Bitch in die Luft geworfen wird, war quasi das Niveau der folgenden Ereignisse besiegelt: Es konnte nur aufwärts gehen.

Nachdem er sich in einer spektakulären Crash-Fahrt durch ein verstaubtes Industrie-Gebiet die Option auf eine Knast-Existenz eingeräumt hat, bleibt dem sympathischen Macho Sean (Lucas Black), um dem Gefängnis zu entgehen, nur die Emigration nach Japan. Sein Vater kommt in einem ärmlichen Viertel von Tokio über die Runden und als mäßig willkommener Untermieter soll sich Sean an den gesteigerten sozialen Anforderungen zum anständigen Menschen etablieren.

Der Kultur-Clash beschränkt sich auf uncoole Schuluniformen für Jungs und Schuhe-Ausziehen bevor man ein Zimmer betritt. Auch im alltäglichen Leben findet Sean sich schnell zurecht, da zum Glück jederman der englischen Sprache mächtig ist. Solch praktikable Lösungen sind üblich für Hollywood und auch legitim, solange man sich in erster Instanz innerhalb des Action-Genres bewegt.

Natürlich kann Sean nicht die Finger von getunten Autos lassen, ebenso wenig wie von der attraktiven Latina-Freundin Neela (dezent nervig: Nathalie Kelley) des örtlichen DKs (Brian Tee als "Drift-King) inklusive Vater bei der Mafia (Sonny Chiba himself). Als Sean den geliehenen Wagen des Yakuza-Häschers Han schrottet, muß er den Schaden mit undankbaren Geldeintreiber-Jobs abbezahlen. Nebenbei wird ihm Han gar zum Freund und Mentor, der ihn in die Basics und Kniffe des Drift-Racings einweiht.

Was die Rennen angeht, gehören diese zum qualitativ Besten was mir in letzten Jahren untergekommen ist: Spektakulär, ausgedehnt, voller kreativer Situationen, beispielsweise wenn Sean einen langen Drift mitten durch eine Menschenmenge hinlegt, und diese in einer beeindruckenden Total-Einstellung panisch einen Kanal für den schlitternden PS-Bolzen bilden. Die Stunts sind durchweg irdische Handarbeit, mitreißend gefilmt und digitale Effekte kommen lediglich in der überhöhten Darstellung von Karosserie-Splittern und rumfliegenden Spoilern zum Tragen.

Sowieso ist "Tokyo Drift" ein lauter Film: Permanentes Reifenquietschen in Kombination mit Blechschäden plus Kid-Rock und krassen Hip-Hop-Rhymes auf der Tonspur sind auf Dauer eine ernstzunehmende akustische Herausforderung für Standard-Köpfe, ich würde aber lügen, würde ich behaupten, mich auf einer äußerst niedrigen, triebgesteuerten Ebene nicht konstant unterhalten gefühlt zu haben.

In den wenigen ruhigen Sequenzen gibt es tiefergelegte Romantik: Wenn Sean und Neela auf einer serpentinenreichen Landstraße im Mondschein entlang driften und sich gegenseitig 1000-mal gehörte nostalgische Phrasen in die Ohren seufzen ("als meine Eltern gestorben sind") ist das dank der eleganten Kamera-Führung sogar sehr ansehnlich geraten. Wobei der Drehbuch-Schreiber selten den Verbrauch von zwei Litern Gehirnschmalz auf 100 Dialogzeilen überschreitet.

Auch ansonsten erstickt die Geschichte in Klischees: Wenn weiblich angelegte Rollen mal nicht wie Kletten an schurkischen Yakuza-Schultern kleben, bücken sie sich zur Abwechslung über Kühlerhauben, wobei die Kamera es selten schafft, zum jeweiligen Arsch das dazugehörige Gesicht im selben Take einzufangen. Zudem sind sämtliche Sprüche und Dialoge so übermäßig cool, bzw. dermaßen schlecht geraten, daß sie höchstens auf englisch noch halbwegs erträglich sein dürften. Sympathisch empfand ich Hans Kommentar bezüglich Seans problem-trächtigem Frauengeschmack, warum er sich nicht einfach ein nettes japanisches Mädchen suchen könne "wie alle anderen Weißen auch".

Wer nach dieser Review großartiges Schauspielerkino erwartet, ist selbst Schuld. Den anderen sei das DVD-Release als kurzfristige Kleinhirn-Stimulation dringend empfohlen. Alles abseits der Rennstrecke ist zwar nur heiße Luft, schmeckt aber immer noch leckerer als sich mit dem Mund an ein Auspuffrohr zu hängen. Mit Keiko Kitagawa legt der Film zudem den notwendigen "Kawaii"-Faktor an den Tag. "Tokyo Drift" ist besser als der mittelmäßig-verbissene erste Teil und unterhaltsamer als das nervige CGI-Gedöns von "2 Fast 2 Furious" sowieso.

Was japanische Rennfahrerfilme angeht, die nicht in Japan gedreht wurden, führt allerdings immer noch "Initial D" mit mehr als einer Wagenlänge. Zwar sind hier die Rennen wesentlich unspektakulärer ausgefallen, dafür gibt es Charaktere, die mehr können als kaputte i-Pods zu verscherbeln (Rapper-Knilch Bow Wow) oder Schulmädchen-Uniformen bis knapp unter die Symphysen-Fuge zu kürzen (Frauen), und stellt somit ein deutlich langfristigeres Vergnügen dar.

© diceman

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