Sakura-Reviews

Film-Besprechungen aus Japan und dem asiatischen Raum im Allgemeinen . . .

SUKEBAN DEKA: THE MOVIE (Japan, 1987)


SUKEBAN DEKA

Regie: Hideo Tanaka
Darsteller: Yoko Minamino, Yui Asaka, Haruko Sakara, Ayako Kobayashi, Masato Ibu, Hiroyuki Nagato, Katsumi Muramatsu, Tetta Sugimoto


Die japanischen "Eighties" sind zugleich die verrufene Blütezeit der "Pop-Idole", als Mädchen im späten Teenager-Alter bis hinein in frühe Twenties allein durch ihr Aussehen berühmt wurden. Die Entertainment-Industrie folgte dem Ruf der Massen und steckte hunderte von Mädels in Schuluniformen, ließ sie in Teenie-Zeitschriften posieren, als Gesangartisten vors Mikrophon treten oder in TV-Serien mitspielen. Sex-Appeal war zweitrangig, in erster Line mußten sie "süß" oder "niedlich" (zu japanisch "kawaii") sein. Was man heute gemeinhin als J-Pop-Szene bezeichnet, hatte seinen unschuldigen Ursprung in der 80ern, als natürliche Haarfarbe "in", und plastische Chirurgie noch nicht an der Tagesordnung waren. Yuki Saito, Yoko Minamino und Yui Asaka sind namentragende Stützpfeiler dieser "Ära der Idole".

Eines der populärsten TV-Phänomene war das "Sukeban Deka"-Franchise. Dahinter versteckt sich ein auf Jugendkriminalität spezialisiertes Detektivbüro, welches dem "Dark Director" untersteht (ein kleiner, freundlicher Opa mit Sonnenbrille), und weibliche Teenager zur Bekämpfung gegen urbanes Verbrechen einsetzt. Erkennungsmerkmal der niedlichsten Spezialeinheit der Welt ist eine schwarze Seifuku-Uniform mit rotem Halstuch, sowie eine speziell konzipierte Waffe: Ein Hightech-Yo-Yo mit eingravierter goldener Kirschblüte.

Es wird gemunkelt, Quentin Tarantino habe sich in seinem Film "Kill Bill" für den Charakter der kugelschwingenden Go-Go vom "Sukeban Deka"-Phänomen inspirieren lassen. Das Konzept vom Yo-Yo als Waffe mag übernommen, auf die Spitze getrieben und kombiniert mit dem Schulmädchen-Look worden sein. Schuluniformen als ein im alltäglichen Leben etablierter Look sind in Japan etwa so revolutionär, wie hierzulande die nierenschonende Praktik im Spätherbst noch brauchfrei zu tragen. Charakterliche Übereinstimmungen zwischen Go-Go und Asamiya Saki (Codename der "Sukeban Deka"-Squad-Leaderin) sind nicht existent.

Die Handlung der ersten großen Kinoauskopplung fungiert als Bindeglied zwischen zweiter und dritter Staffel der TV-Serie und soll in erster Line dem umfeierten Star Yoko Minamino ein würdiges Abschluss-Abenteuer spendieren, sowie das Zepter an Nachfolge-Idol Yui Asaka weiterreichen. Als problematisch empfand ich die enge Anlehnung an die TV-Serie, stellt dieser Film doch die einzige Möglichkeit dar, Nicht-Japaner mit der Materie vertraut zu machen (die auf DVD erhältliche TV-Serie ist nicht untertitelt). Scheinbar willkürlich auftauchende Protagonisten, Rückblenden und Dialoge von der Sorte "Weißt du noch früher . . .?" (Nostalgisches Kopfnicken) müssen mit verlorenem Schulterzucken hingenommen werden. Der von Yoko Minamino verkörperte Charakter wird nicht näher ergründet, dafür wurde in den letzten 42 Folgen nämlich genug Zeit geopfert.

Beißt man sich durch Startschwierigkeiten und den trägen ersten Akt hindurch, erwartet einen ein actionreiches Trashfeuerwerk mit Kultgarantie. Der Plot ist glücklicherweise in sich abgeschlossen und leicht zu verfolgen: Als sie einem flüchtigen Teenager eine vermeintlich verlorene Mappe mit geheimnisvollen Unterlagen zurückbringen möchte, rutscht die gutgläubige Asamiya Saki (Yoko Minamino), die eigentlich den Dienst quittieren und das Yo-Yo an den Nagel hängen wollte, mitten in ein sinistres Komplott: Als Direktor einer Privatschule plant der finstere Hattori einem Coup d'Ètat. Innerhalb der Mauern des als "Hells Castle" verrufenen Umerziehungslagers für lernschwierige Teenager züchtet Hattori mittels militärischem Drill und Gehirnwäsche eine Privatarmee zusammen, um die Regierung zu stürzen und so Japan in ein zweites drittes Reich zu verwandeln.

An diesem Punkt ist der gedulige Zuschauer entweder ausgestiegen, oder freut sich umso mehr der kommenden Ereignisse. Das absurde Geschehen wird nämlich verbissen ernsthaft durchgezogen. Überrascht wurde ich von einer erwachsenen Zielgruppe: Szenen, in denen Teenies mit Defibrillatoren gefoltert werden und blutig zelebrierte Einschüsse zeigen einmal mehr, wie schmerzfrei man in asiatischen Ländern mit leichtfüßigem Entertainment umgeht.

Primärwaffe in den Action-Sequenzen ist das Yo-Yo: kostengünstige Einblendungen des vorwärts schnellenden Geschosses in einem Blackroom werden in fertige Szenen reingeschnitten. Power-Rangers lassen grüßen. Normalerweise möchte ich mich so etwas nicht sagen hören, aber diesbezüglich kann Kenta Fukasaku für seinen neuen Film mittels überzeugender CGI noch einiges reißen. Die übrige Action-Choreographie besteht aus überraschend ruhig geschnittenen Prügeleien mit etwas Wire-Fu, die eher auf den Fähigkeiten der Komparsen aufbauen, überzeugend zu fallen, denn wirklichen körperlichen Leistungen der Mädels. Diese müssen lediglich einen Haltegriff anzusetzen, und schon segelt der Gegner nach drei Pirouhetten und einer Judo-Rolle in den entferntesten Winkel des Schauplatzes. Wer sich darüber nicht freut, lege sich besser gleich einen richtigen Film zu, anstatt Zeit mit diesem zu verschwenden. Außerdem hat Asamiya Saki Verstärkung mitgebracht: "Marble O'Kyo", welche getreu ihrem Namen als einzige im Girls-Only-Squad ihre Gegner mit präzise geworfenen Murmeln ausschaltet.

In Story-Sequenzen offenbart sich, abgesehen von albernem Backfisch-Gekicher, mitnichten schauspielerische Tiefe. Zwar ist die Geschichte geradlinig aufgebaut, folgt aber keiner durchdachten Dramaturgie, welche für Spannungsmomente und "Aha"-Erlebnisse sorgen sollte. Dafür wartet das Skript mit den aberwitzigsten Ideen der Filmgeschichte auf, beispielsweise, wenn sich Asamiya Saki nur mit einem Yo-Yo bewaffnet einem aus allen Rohren feuerndem Kampfhubschrauber stellt, oder in einer dreisten Referenz den "Terminator" vorbildhaft erhebt.

Dank hohem Tempo und im letzten Drittel konstanter Action ist aus "Sukeban Deka" dann doch noch eine unterhaltsame Granate für einsame Videoabende geworden, auch wenn es nicht besser aussieht als eine auf Spielfilmlänge aufgepumpte TV-Episode. Eventuelle Idiotien, wenn bei besagtem Helikopter-Angriff die Mädels wiederholt Deckung hinter rumstehenden Öl- und Benzinfässern (!!!) suchen, sind dem Unterhaltungs-Niveau ebenfalls zuträglich. Auch scharenweise angewetzte Angreifer-Schwadrone hampeln lieber untätig im Hintergrund herum, während Asamiya Saki den etwas mutigeren Kollegen reihenweise das Yo-Yo vor den Latz ballert.

Bei musikalischer Untermalung wechseln sich flotte Blues-Rhythmen mit episch rummsenden Bombast-Klängen, gleich einem Kaiju-Angriff. Nach den Credits und im Abspann singt Yoko Minamino zu eingängigen Elektro-Pop-Beats ein Lied, dessen Refrain sich längerfristig zwischen Amboss und Steigbügel einnisten wird. Wer die Symbiose überlebt, kann aufatmen: der Soundtrack ist, zusammen mit anderen ohrwurmträchtigen Melodien der Serie, unter dem Titel "Last Memorial" auf CD im internationalen Handel erhältlich.

© diceman

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1 Comments:

  • Januar 18, 2013

    Anonymous Ganzer sagte …

    Absolut sehenswert, auch und gerade heute, weil zu dem eh schon wunderbaren Konzept noch eine gehörige Prise Nostalgie dazukommt. Primär ist es das Soundgewand, in dem der Film erscheint, das für mich einen großten Teil seines Reizes ausmacht.
    War eine dieser kleinen Perlen, die ich viel zu lange vor mir hergeschobene habe.
    Und daran, dass ich dem Ding objektiv keine 7 Punkte gegeben habe, sieht man nur mal wieder, wie furchtbar egal und unverständlich Wertungssystem bei Kunst sind...

     

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