Sakura-Reviews

Film-Besprechungen aus Japan und dem asiatischen Raum im Allgemeinen . . .

SPACE TRAVELERS (Japan, 2000)


SUPESUTORABERAZU

Regie: Katsuyuki Motohiro
Darsteller: Takeshi Kaneshiro, Ken Watanabe, Eri Fukatsu, Masanobu Ando, Hiroyuki Ikeuchi, Sawa Suzuki, Masahiro Komoto, Teruo Takeno


Drei sympathische Ganoven überfallen kurz vor Ladenschluß eine Bank. Was als chirurgisch präzis durchgeführte Operation mit Zeitfenster von maximal fünf Minuten geplant war, eskaliert zur epischen Belagerungssituation, als sich der Bankmanager mitsamt Beute unwiderruflich im Tresor einschließt. Personal und verbleibende Kunden werden zu Geiseln, unter ihnen auch ein gesuchter Terrorist (Ken Watanabe mit Teddybär unterm Arm).

Ausreichend Material für eine Review zu sammeln, fiel mir schwer. Weder ein spärlicher Plot noch ein nichtssagendes Skript sind schuld, vielmehr saust "Space Travelers" mit Lichtgeschwindigkeit in erzählerische Höhen, manövriert dabei um schädliche Gravitations-Einflüsse schwarzer Löcher im Comedy-Genre herum, und hat mich einfach sprachlos zurückgelassen. Die Geschichte verbleibt trotz utopischem Titel auf der Erde, ist filmgewordenes Stockholm-Syndrom:

Vor den Toren tummeln sich sensationsgierige Journalisten und publicity-geile Fernseh-Teams, während ein SWAT-Kommando auf den geeigneten Moment wartet, zuzuschlagen. Aufgrund der für alle Beteiligten zermürbenden Situation tauen innerhalb des Gebäudes die Fronten, Gangster und Geiseln kommen sich auf menschlicher Ebene entgegen. Schließlich werden die eingesperrten Zivilisten gar zu dankbaren und begeisterungsfähigen Komplizen.

Nicht nur der hochkarätige Cast (Takeshi Kaneshiro als Bandenführer) überzeugt durch mitreißendes Schauspiel. Sein ansteckendes Charisma verdankt der Film liebevoll ausgearbeiteten Charakteren. Einer der Bankräuber outet sich nämlich als sammelkartenbegeisterter Anime-Freak, der in der neu geschlossenen Allianz die gezeichneten Protagonisten seiner Lieblings-Serie "Space Travelers" wiedererkennt. Das käppelnde Ehepaar, welches vor der Scheidung das gemeinsame Konto auflösen wollte, der arbeitsame Elektriker, der seine PIN-Nummer vergessen hat, die eifrige Bankangestellte, die von ihrem Freund verraten wurde und in Gefahrensituation über sich hinauswächst, jeder bekommt ein seiner Konstitution entsprechendes Alter Ego zugewiesen. In amüsanten Verhandlungen mit der Polizei verkörpert die eingeschweißte Gemeinde ihre Charaktere mit wachsendem Vergnügen: "I'm Electric Sunny, the Mechanic. Watch out for the traps I've prepared for you."

Dabei ist "Space Travelers" mehr als bloße Gag-Parade; ein richtiger Film. Lauthals loszulachen wird man selten genötigt, stattdessen hinterlässt subtile Situationskomik den andauernden Abdruck eines Lächelns auf den Lippen. Skurrile Ideen, wenn die belagerten Insassen der Bank einen Pizza-Lieferservice kommen lassen, werden hemmungslos ausgereizt und funktionieren ohne Slapstick.

Hohe Handlungsdichte ist durch Einheit von Ort und Zeit gewährleistet, trotzdem ruht die Regie sich auf gegebenem Konfliktmaterial nicht aus. Zeitgenössische Stilmittel wie Zeitlupe, Kamerabeschleunigungen und Militär-Ästhetik, auch ein Bullet-Time-Effekt, bleiben keine selbstverliebten Gimmicks und werden, wenn überhaupt, kontextbezogen eingesetzt. Das Tempo ist rasant, nicht überstürzt, Action im herkömmlichen Sinne von Explosionen, Shootouts und körperlichen Auseinandersetzungen wird man vergeblich suchen. Immer wieder rücken zwischenmenschliche Aspekte in den Erzählfokus.

Das zum Ende hin gesteigerte menschliche Drama mitsamt seiner in andächtiger Stille gefilmten Auflösung wirkt nicht aufgesetzt. Da man die Charaktere lieb gewonnen hat, sieht man sie genauso gern in ernsten Umständen agieren. Die Wandlung von Komik zu Tragik ist schlüssig und geht fließend vonstatten. An dieser Stelle verneige ich mich vor dem Drehbuch, welches jede einzelne der längenarmen hundertzwanzig Minuten mit niveauvoller Unterhaltung füllt.

Das freilassendes Ende beschließt einen jener raren Glücksgriffe der Filmgeschichte, nachdem Musik schöner klingt, Gerüche besser riechen, Farben heller leuchten. Jedes Foreshadowing hat ein Payoff erhalten, wenn auch mit eingeklammertem Fragezeichen. Zwanglos, bar einer Moral, wird man von einem augenzwinkernden Appell mit beschwingtem Gang in die Realität entlassen. Ein Film, der die Lebensfreude nachhaltig zu steigern vermag.

In wiefern "Space Travelers" tatsächlich einem Meisterwerk, oder "nur" einer perfekt konstruierten Tragikomödie gleichkommt, wird sich beim wiederholten Gucken entscheiden. Eine mit geschlossenen Augen lauthals hinausgerufene Empfehlung kann ich aber schon jetzt abgeben.

© diceman

Labels: , , ,