Sakura-Reviews

Film-Besprechungen aus Japan und dem asiatischen Raum im Allgemeinen . . .

INTIMATE CONFESSIONS OF A CHINESE COURTESAN (Hong-Kong, 1972)


AI NU

Regie: Chu Yuan
Darsteller: Lily Ho, Betty Ting Pei, Shen Chan, Fan Mei Sheng, Yueh Hua


Vielleicht nicht der beste Shaw-Brothers-Film, aber bestimmt der "geilste". Tatsächlich hat der Film mehr zu bieten, als das Cover-Artwork der DVD impliziert: "Intimate Confessions of a chinese Courtesan" war die geistige Vorlage für den All-Time Girls-with-Guns Klassiker "Naked Killer", besonders der finale Twist wird Wong-Jing-Kultisten mitnichten ein überraschtes Quieken entlocken. Für echte Exploitation mag diese traditionell verwurzelte Variante nicht scharf genug gewürzt sein, die Zutaten jedoch stehen bereits alle im Regal: Lesbische Zuneigung, Frauen im Gefängnis, lustvoll inszenierte Morde an perversen Freiern und im actionreichen Finale reichlich Blutvergießen im Schneegestöber-Ambiente.

Einmal mehr überrascht eleganter und stilvoller Umgang mit bewußt reißerischer Thematik: In erster Linie fesselt "Initmate Confessions" durch seine spannende Geschichte um das Mädchen Ai Nu, welche an das luxuriöse Freudenhaus der herrischen Lady Chung verkauft wird. Nachdem sie ein Martyrium aus Vergewaltigung und Demütigung über sich hat ergehen lassen, nimmt sich Lady Chung, fasziniert von Schönheit und Anmut des Mädchens, letztlich ihrer persönlich an. Ai Nu wird ihr so eine Freundin (und mehr), doch tief in ihrem Herzen brodelnde Rachsucht vermag Lady Chungs Zuneigung nicht besänftigen. Die Gesichter ihrer Peiniger hat Ai Nu nämlich nicht vergessen.

Als Einstieg dient die Rahmenhandlung rund um einen Mord in besagtem Bordell und die Suche nach der zuletzt am Tatort gesichteten Person: dem Mädchen Ai Nu. Dorthin führende Ereignisse werden rückblickend aufgearbeitet. Dank Rache-Sideplot ist der historische Krimi kurzweiliger geraten als in dem Genre üblich, der Showdown punktet mit typisch asiatischem over-the-top Melodrama. Die Darsteller sind permanent in Bewegung, langweiligen Dialog-only-Passagen bleibt der Zutritt verwehrt.

Für die Handlung notwendige "unschöne" Elemente (Vergewaltigung, Folter) werden, anders als im japanischen Pendant "Sex and Fury", nicht selbstgefällig ausgewalzt, sondern errichten ihr Spielgehege in der Phantasie. Einer weitergefassten Zielgruppe wird sich der Film dadurch ungleich leichter erschließen. Erotische Untertöne schwingen auf jeglicher erzählerischer Frequenz mit, wenn auch der Cast sich selten gänzlich seiner Kleidung entledigt. Auf ästhetisch gefilmte Detailaufnahmen gefälliger weiblicher Anatomie mußte ich dennoch nicht verzichten.

Mit ordinärem Softcore-Schenkelklopf-Entertainment ála "Sex and Zen" haben die intimen Bekenntnisse Ai Nus wenig gemein. Der Film will ernst genommen werden, funktioniert in seiner Dramaturgie und besticht durch edle Cinematographie in detailverliebt ausgestatteten Kulissen. Dutzende von farbenprächtigen Kleidern, Kostümen und aufwendig gesteckten Frisuren sind ein zuckersüßes Dessert für die Augen.

Gekämpft wird ein bißchen, im Finale auch ein bißchen mehr: Neben Hack'n Slash-Choreographien mit Schwertern und zerplatzenden Blutbeuteln, verzaubert die mit Seilen und Trampolins souverän veredelte Wu-xia-Action durch mehr tänzerisch als realistisch anmutende Kung-Fu-Techniken, häufig durch Seidentücher hindurch gefilmt, was dank athmosphärischer Beleuchtung den kämpferischen Auseinandersetzungen einen verträumt-irrealen Appeal verleiht.

Sicher eine der ungewöhnlichsten Shaw-Brothers-Produktionen, zugleich eine der interessantesten, ist denn "Intimate Confessions of a chinese Courtesan" ein Werk, welches ich (ungeachtet des filmischen Horizontes meines Gegenübers) jedwedem Freund bewegter Bilder ans Herz legen möchte. Keine Scheu übrigens vor dem Titel: auch wenn in einer Szene die Peitsche ausgepackt wird, die wirklich räudigen und schockierenden Beiträge suche man bei den japanischen Zeitgenossen.

© diceman

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